13.9., Das Stonehenge Australiens

Obwohl ich den Gasbrenner über Nacht laufen lasse - mit einem leicht mulmigen Gefühl, aber das Zimmer hat immerhin einen Rauchmelder -, wache ich mehrmals auf und kuschle mich noch fester in meine Decke. So richtig warm ist es nicht. Und obwohl ich abends noch so schlau war, die Badezimmerfenster zuzumachen, ist das Bad ein Eispalast, denn es hat keine Heizung, und ich habe die Tür zum Schlafzimmer natürlich nachts zugemacht. Ich überstreue mich ein wenig mit Eiswürfeln - nein, Spaß beiseite, warmes Wasser gibts schon, wenn auch nicht mit so richtig doll viel Druck, und man kann im Bad vor Nebel die Hand nicht vor Augen sehen - und nehme dann auf die Minute genau um 7:45 das bestellte Frühstück in Empfang. Pünktlich sind sie ja hier. Gut, dass es so kalt war im Bad, sonst hätt ich womöglich länger geduscht ;-).

Jede noch so kleine Stadt in Australien hat ein Visitor Center und eine Informationsbroschüre, die anpreist, was es in der jeweiligen Stadt zu sehen gibt. Das finde ich recht erstaunlich - Glenn Innes ist im Prinzip eine Straße Foto dazu, vielleicht einen Kilometer lang, und links und rechts ein paar Wohnhäuser drumrum Foto dazu. Abgesehen davon, dass sich der Ort laut meinem Reiseführer als Basis für Abstecher in umliegende Nationalparks eignet (keine großen Abstecher mehr, ich will Zeit in Sydney haben), gibts hier die Australien Standing Stones Foto dazu Foto dazu Foto dazu Foto dazu Foto dazu (stehen nicht in meinem Reiseführer). Sie haben hier also nicht nur einen Schwarzwaldhügel, die Australier, sondern auch ihr eigenes Stonehenge. Und keltische Feste und einmal die Woche Dudelsackmusik zum Sonnenaufgang, wenn ich das recht verstehe. Freitags allerdings, und heute ist Montag. Aber der Sonnenaufgang ist ja eh längst vorbei. Nennt sich übrigens auch Celtic Country, die Gegend, und ist auch um die Stadt herum so angehaucht. Eine Stonehenge Road sehe ich beispielsweise einige Kilometer jenseits der Stadt noch.

Als nächstes wollte ich einen Blick ins Museum werfen, aber es hat noch geschlossen Foto dazu. Das kommt davon, wenn man vormittags aufsteht *g*. Also laufe ich die Hauptstraße entlang, schieße ein paar Fotos Foto dazu Foto dazu Foto dazu und halte nach einem Internet-Cafe Ausschau. Denn ich habe bisher weder einen ordentlichen Kaffee getrunken noch die neuesten Fotos und Tagebuchseiten ins Netz gestellt. Es gibt hier aber nichts, das wie ein Internet-Cafe aussieht. In meiner Verzweiflung frage ich in einem Computerladen, ob sie eine Idee haben, wie ich meinen Rechner ans Netz bringen könnte. Er meint, kein Problem, ich könne mich gleich hier per Modem einwählen. Äh, also, ich hatte da mehr so an einen Breitband-Zugang gedacht, außerdem weiß ich gar nicht, unter welchen Nummern man sich in Australien so einwählt. Er zögert kurz und meint dann, ok, we can do that. Was denn so ca. ein halbes Stündchen kosten würde? Zwei bis drei Dollar. Ok, ich laufe zum Auto, hole das Auto hierher und komme mit meinem Notebook wieder.

Er lotst mich hinter die Kulissen in die Werkstatt, wo ich mich an einen Hub anstöpseln und einen schönen, schnellen Internet-Zugang benutzen darf Foto dazu. Ich wechsle kurz ein paar Worte mit einer Hiwine, die anscheinend hier ihren ersten Tag hat heute, denn sie stellt einem anderen Mitarbeiter im Verlauf der nächsten halben Stunde allerlei Fragen, die von "Was für eine Maus gehört zu diesem Computer?" bis hin zu "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Hub und einem Switch?" und "Wo hast Du eigentlich gelernt, was eine IP-Adresse ist?" reichen. Ich schmunzle in mich hinein, freue mich über die dicke Strippe, erledige nebenbei allerlei (Banking, eine Ansichtskarte an meine Mutter, Mail, kurz Basteln an der Yamasa-Seite) und schiebe, als der Upload der Web-Galerie überraschend schnell durch ist, noch weiter Backups nach Hause, solange ich hier bin.

Gegen kurz vor 11 gehts dann aber wieder auf die Straße. Ich will morgen Nachmittag in Sydney ankommen, daher muss ich noch einige Kilometer abspulen. Nächster Stopp ist Armidale, wo mein Reiseführer mehrere gut erhaltene viktorianische Kolonalgebäude Foto dazu Foto dazu Foto dazu sowie ein Kunstmuseum empfiehlt. Das Visitor Center vor Ort empfiehlt dasselbe, abgesehen von mehreren Nationalparks "in der Nähe" (zum Beispiel 42 km eine Richtung, also alleine eine Stunde Fahrt hin und zurück). Ich laufe ein bisschen rum, esse entgegen meinen sonstigen Gewohheiten einmal einen Doppelwhopper bei Hungry Jack (wobei ich mich frage, ob Burger King in Australien so heißt), und dann ist mir schlecht. Ist mir immer von diesem Fast-Food-Zeug; ich probiere es alle paar Jahre mal, und immer wird mir schlecht. Nicht so richtig schlimm schlecht, aber es ist einfach ein komisches Gefühl im Magen. Ich kann einfach nicht verstehen, wie Leute das mehrmals im Jahr essen können. Ach, wie schön war die Bento-Box mit Sushi für 500 bis 600 Yen im Supermarkt *träum*.

Nach meinem kurzen Stadtrundgang nehme ich noch einen Cappucino - das Cafe heißt irgendwie mit R, und die haben doch tatsächlich ein R auf die Schaumkrone draufdekoriert Foto dazu - und fahre zum Kunstmuseum. Eigentlich bin ich nicht sonderlich Kunst-interessiert, aber dort soll auch ein Aboriginal Culture Center sein, das interessiert mich schon eher. Hat aber alles montags geschlossen. Ein Wink des Schicksals - Harald's on the road again.

Schon nach einer halben Stunde Fahrt beginnen mir trotz Cappucino die Augen zuzufallen. Ist denn das die Möglichkeit; ich bin am helligten Tage schon kurz vor dem Sekundenschlaf, merke, dass ich ab und zu nur 90 fahre, was meinen Gewohnheiten (bis zu 10% über der Geschwindigkeitsbegrenzung von 100) deutlich widerspricht. Also halte ich "mit letzter Kraft" auf einem Parkplatz, klappe meinen Sitz zurück und schlafe ein Viertelstündchen. Ich glaube, ich schreibe dies heute zum ersten Mal explizit in mein Tagebuch, aber gemacht habe ich das schon öfter. Es dauert selten länger als eine Viertelstunde; meist wache ich von meinem eigenen Schnarchen auf :-). Und es wirkt Wunder: Danach kann ich topfit stundenlang weiterfahren. Schon komisch.

Ich halte trotzdem bei nächster Gelegenheit zum Tanken und kaufe eine 600-ml-Flasche Cola, was mein zweiter Geheimtrick bei Müdigkeit am Steuer ist. Ich trinke normalerweise nie Cola, daher wirkt sie in diesem Urlaub sehr gut. Jetzt kann mich nichts mehr bremsen, und ich lasse Tamworth locker links liegen und fahre gen Muswellbrook. Schieße noch ein paar belanglose Fotos während der Fahrt Foto dazu Foto dazu. Hier ists irgendwie etwas gründer, und man sieht Pferde, Rinder und Schafe (nur nicht auf den Fotos :-(). Und Vögelchen, auf einmal fliegt ein Schwarm dieser rosa Papageien(?) mit den grauen Flügeln über die Straße, und ich mache mir schon Sorgen, davon welche zu überfahren, aber sie sind vorsichtiger.

Die Temperatur ist im Laufe des Tages allmählich wieder gestiegen. Im Hochland waren es so 12 bis 14 Grad, als ich laut einem Schild die Great Dividing Range überquere, geht es nicht nur bergab, sondern wird auch wärmer: Bei 18 Grad komme ich in Muswellbrook an. Es ist 17:15, und ich überlege noch kurz, ob ich ein halbes Stündchen bis nach Singleton dranhänge, habe aber doch keine Lust mehr zum Fahren.

Kehre also wieder im erstbesten Motel ein (heute kostets 75 Dollar, sah aber auch schon teurer aus und hat dafür eine Minibar) und schreibe diese Zeilen. Als ich nach einem Breitband-Internet-Zugang frage (genau genommen nur nach einem Internet-Cafe), lacht man mich fast aus, nein, sowas neumodisches gibt es hier nicht. Gibt es wahrscheinlich ebenso wie in Glenn Innes, aber man sieht es halt nicht ;-).

For the record: 3170 km habe ich jetzt auf dem Tacho. Deutlich mehr, als ich mir vor Beginn meiner Reise hätte träumen lassen. Auf der Karte sieht alles irgendwie näher aus. Bevor ich das nächste Mal eine Australien-Reise plane, erinnere mich bitte jemand daran, dass es Wahnsinn ist, von Cairns nach Sydney in nur zwei Wochen zu fahren. Wenn man nicht gerade unglaublichen Spaß am Autofahren hat. Es mag anders aussehen, wenn man zu zweit ist, sich also beim Fahren abwechseln und sich miteinander unterhalten kann. Und man gewinnt natürlich täglich zwei Stunden, wenn man jeden Morgen das Frühstück um 6 statt wie ich erst um 8 nimmt ...

 

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©2004 by Harald Bögeholz