4.8., Die japanische Trink-Party

Heute komme ich zur Abwechslung mal wieder ganz gut mit im Unterricht. Entweder haben die das absichtlich so organisiert, dass sich schwierige mit einfachen Lektionen abwechseln, oder ich weiß halt zufällig von jeder zweiten Lektion schon etwas mehr.

Ich spiele den Nachmittag über in der Bar mit Mike Go Foto dazu, bis der um 17 Uhr seine Bar zumacht. Dann spiele ich in der Aoi Hall ein Stündchen Klavier. Zurück im Studentenwohnheim treffe ich Henrik und frage ihn, was er abends vor hat. Er will mit ein paar Leuten essen gehen, und ich will mich anschließen. Endlich habe ich den Zug mal nicht verpasst, bisher war ich jeden Abend irgendwie alleine.

Es stellt sich raus, dass es doch eine größere Gruppe von Yamasa-Studenten ist, die um 19 Uhr das japanische Restaurant stürmt: Etwa 15 an der Zahl. Am Eingang zieht man Japan-typisch seine Schuhe aus und verstaut sie in einem Schließfach Foto dazu. Vor den Tischen liegen Kissen, um darauf zu knien, es gibt aber auch eine Vertiefung unter dem Tisch, in die man seine Füße reinstecken kann, wenn man normal sitzen will. Wie praktisch für Europäer. Ich knie mich stilecht vor den Tisch und komme mit dieser Sitzhaltung das erste halbe Stündchen prima zurecht, aber dann wird es mir doch etwas ungemütlich.

Die Speisekarte stürzt mich in tiefe Ratlosigkeit Foto dazu. Denn diesmal hat sie keine Bilder, und alles ist in Kanji geschrieben. Einige der anderen waren schonmal da und wissen schon die Namen von ein paar Gerichten, die sie mögen. Außerdem sitzt Michael bei uns am Tisch, und der kann schon etwas besser Japanisch. So halte ich mich beim Bestellen zurück und harre der Dinge, die da kommen. Und die sind gar nicht schlecht: Mit Käse überbackene Bratkartoffeln, gebackene Kartoffelecken, frittierte Bällchen, die anscheinend Hühnchenfleisch enthalten, ein großer Salat und eine Platte Sushi - da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Nach dem Essen sitzen wir noch gemütlich bei einem Bier zusammen, als plötzlich ein Japaner an unseren Tisch kommt und mich fragt, ob ich mich nicht zu ihnen gesellen will. Warum auch nicht? In einer Art Nebenzimmer, das mit Tatami ausgelegt ist, feiert um einen großen Tisch herum eine ausgelassene Runde Japaner. Einer (auf dem Bild Foto dazu ganz links) spricht recht gut Englisch und erzählt mir nach und nach, dass das alles Geschäftskollegen sind, die hier heute eine "drinking party" feiern, um einander besser kennenzulernen. Ich versuche, so viel wie möglich auf Japanisch zu antworten, denn sonst lerne ich es ja nie. Was einige der Anwesenden besonders zu freuen scheint, da sie kein Englisch können.

Nun bin ich also mal live dabei, bei so einem Event, von dem ich bisher nur gelesen habe. Das ist so eine Mischung aus Privatvergnügen und Arbeit: Es wird anscheinend erwartet, dass alle hingehen und mittrinken, aber bezahlen muss jeder selber. Und das nicht zu knapp: Die Jungs kommen gar nicht aus Okazaki, sondern einem Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Jedenfalls werden die Armen 5000 bis 6000 Yen allein für das Taxi nach Hause bezahlen müssen, und ich nehme an, sie müssen ja auch irgendwie hier hingekommen sein.

Alle Anwesenden sind schon ziemlich knülle, und ich überlege mit Sorge, wo ich wohl meine Kamera mal ablegen kann, damit ihr nichts passiert, wenn jemand mal ne Flasche oder ein Glas umwirft. Die Gefahr ist durchaus gegeben, so wie die Jungs teilweise torkeln. Man schenkt mir Bier in ein 0,1-Liter-Gläschen ein, das man mir zwar ab und zu nachfüllt, was aber bei weitem nicht ausreicht, um mich auch nur annähernd so lustig wie die Japaner zu machen. Auch das wusste ich schon vorher: Japaner vertragen überhaupt keinen Alkohol. Ich drücke die Kamera einer Kommilitonin in die Hand, die noch an unserem Tisch sitzen geblieben ist, und unterhalte mich den Abend lang mit den Japanern - eine gute Übung für mein Japanisch und deren Englisch.

Irgendwann, es ist wohl so gegen 10, ordert plötzlich einer die Rechnung und alle zücken die Geldbörsen. Einer übernimmt die Buchführung. Er rechnet aber anscheinend nicht auseinander, wer wieviel gegessen oder getrunken hat, sondern schreibt nur auf, wer wieviel bezahlt hat. Der Chef scheint, wenn ich das aus dem Augenwinkel richtig sehe, einen größeren Schein in den Topf zu tun als die anderen. Der Buchhalter ruft einem Kollegen zu, dass er noch etwas mehr bezahlen soll, was der brav tut. Leider komme ich nicht dazu, genau zu ergründen, nach welchem System das Bezahlen läuft, aber ich könnte mir vorstellen, dass es tatsächlich nach Hierarchie geht: Je Chef desto mehr. Wär ja auch irgendwie sinnvoll.

Nach wenigen Minuten haben alle bezahlt, die Rechnung ist beglichen, und nach kurzen Abschiedsworten sind sie alle weg. Die Armen müssen morgen arbeiten, und ihr Zustand sieht für meine Begriffe gar nicht gut aus. Ich dagegen habe für meine Verhältnisse wenig getrunken. Wir verbliebenen sieben Yamasa-Studenten begleichen unsere Rechnung ebenfalls auf japanische Art; die Letzte kriegt das Wechselgeld. Trinkgelder sind in Japan nicht üblich, das finde ich sehr praktisch. Es wäre wahrscheinlich viel zu kompliziert, so etwas wie Trinkgeld in den komplexen Höflichkeitskodex zu integrieren, daher gibts einfach gar keins.

Auf dem Rückweg ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich mich mit den Japanern jetzt richtig durstig getrunken habe. Aber es ist kurz nach 11, und die Bierautomaten haben schon zu. Nicht nur der bei mir um die Ecke, sondern ich sehe unterwegs an einem anderen Automaten auch überall rote Lichter glimmen. Es fängt an, ziemlich heftig zu regnen. Mist, ich habe keinen Rucksack mit, was mach ich nur mit der Kamera? Ich stecke sie unter mein Hemd und radle so schnell ich kann ins Wohnheim. Ein Bier trinken könnt ich zwar noch, aber zum Tagebuchschreiben bin ich irgendwie zu schlapp. So gehts dann mal vor Mitternacht ins Bett, das kann ja auch nicht schaden. Und schließlich muss ich früh raus, denn heute habe ich die Hausaufgaben noch gar keines Blickes gewürdigt.

 

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©2004 by Harald Bögeholz