31.7., Ein Samstagnachmittag mit Ooyama san

Der Wecker klingelt um 6:30 - ich Idiot, den hätt ich ja nun wirklich ausmachen können. Macht aber nichts, ich schlafe sofort weiter wie ein Stein und stehe gegen 11:30 auf. Au Backe, war das viel Bier gestern. Mittlerweile gehts mir wieder gut; um 6:30 wäre mit mir aber noch überhaupt nichts anzufangen gewesen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich mich mit einer Japanerin zum Mittagessen verabredet habe. Lustige Idee das, was die sich wohl dabei denken mag? Zum Glück bin ich rechtzeitig aufgewacht, um auch noch die Fotos von gestern Abend zu entwickeln und mir sicherheitshalber noch einmal anzuschauen, wie die gute Frau aussieht Foto dazu.

Es regnet die ganze Zeit in Strömen, ist aber trotzdem warm; bin ich froh, dass mein Zimmer eine Klimaanlage hat. Ich merke aber, dass ich mich allmählich akklimatisiere; während ich meine Wunschtemperatur in den ersten Tagen auf 23 Grad eingestellt habe, bin ich jetzt bei 26 Grad gelandet. Die gefühlte Temperatur ist immer noch deutlich niedriger als draußen; vermutlich, weil die Klimaanlage auch einiges von der Luftfeuchtigkeit wegnimmt.

Als ich das Wohnheim verlasse, regnet es zum Glück gerade nur wenig; erst kurz vor dem Restaurant kommt noch einmal ein heftiger Guss runter. Ich muss mir wohl gelegentlich einen Regenschirm zulegen. Zum Essen steht mir der Sinn nach Fleisch, und ich bestelle mir Rindersteak mit Salat und Reis Foto dazu. Beim Essen lerne ich gleich wieder ein paar neue japanischer Wöter: itadakimasu sagt man, wenns los geht, wohl so eine Art "guten Appetit", obwohl es von der Form her nicht so klingt, als würde man damit wirklich einen Wunsch an den anderen ausdrücken. Es schmeckt etwas ungewöhnlich, weil mit Sojasoße zubereitet, aber sehr lecker. Und pikant, es sind wohl auch Chilli-Schoten dran.

Ich erzähle Ooyama san unter anderem, dass ich dieses Tagebuch schreibe und lerne bei der Gelegenheit das japanische Wort für Tagebuch: nikki. Wie ich gestern schon schrieb, lernt sie Deutsch, weil sie demnächst Freunde in Deutschland besuchen will. Wir unterhalten uns daher im Prinzip auf Englisch, aber ich versuche immer mal wieder so gut ich kann etwas auf Japanisch zu sagen und lasse mir gegebenenfalls helfen beziehungsweise mich verbessern, und sie macht das gleiche mit Deutsch und lernt bei der Gelegenheit das deutsche Wort für Tagebuch. Das ist ja eine praktisch wörtliche Übersetzung, meint sie, und schreibt mir die beiden Kanji für Tagebuch auf: ni ist das Kanji für Tag und ki ist das für Geschriebenes. Ich lerne bei der Gelegenheit mein erstes Kanji zu schreiben, und gleich ein schwieriges mit 10 Strichen! (Ok, es ist nicht das erste: Wie man das Zeichen für Tag schreibt, wusste ich schon.)

Da ich ihr unter anderem erzählt habe, dass ich das japanische Frühstück mit Misosuppe und Reis mag, fragt sie mich, ob ich ein Stündchen Zeit und Lust habe, eine Miso-Fabrik zu besichtigen. Na klar, warum nicht? Der ursprüngliche Plan war zwar, Klavier zu spielen, Tagebuch zu schreiben und zu lernen, aber egal, ich bin ja schließlich mit einer Japanerin unterwegs und lerne dabei auch eine Menge. Sie sagt, die Leute von der Miso-Fabrik sind irgendwie Kunden von ihr (was sie genau macht, habe ich gestern entweder nicht gefragt oder wieder vergessen, auf jeden Fall ist sie wohl Unternehmerin und Chefin eines Ladens namens Luna Planning) und ruft dort an. Dabei beobachte ich zwei Dinge mit eigenen Augen, von denen ich schon gelesen habe. Erstens hat sie wie alle Japanerinnen irgendwelches Gebamsel an ihrem Handy - Handy-Schmuck ist anscheinend ein Muss in Japan. Zweitens telefoniert sie hinter vorgehaltener Hand und wendet sich dabei von mir ab. Die japanische Höflichkeit treibt schon seltsame Blüten. Irgendwie gehört es sich anscheinend nicht, in einem Restaurant zu telefonieren. Aber wenn man es hinter vorgehaltener Hand tut, sieht es ja keiner und dann ist es wohl ok. Dass das Ganze viel lächerlicher und auffälliger aussieht, als wenn man einfach nur telefonieren und dabei halt nicht so schreien würde, steht auf einem anderen Blatt. Ich widerstehe tapfer der Versuchung, von ihrer Haltung nebst dem Handy-Gebamsel ein Foto zu machen, denn ich glaube, das gehört sich jetzt irgendwie nicht.

Wir kurven mit ihrem Auto etwa 20 Minuten lang wie mir scheint kreuz und quer durch Okazaki Foto dazu bis wir bei Link zu YamasaHatcho Miso ankommen Foto dazu. Das ist anscheinend ein über 100 Jahre altes Traditionsunternehmen. Nachdem sie mir erzählt hatte, dass sie dort jemanden kennt und außerdem extra vorher angerufen hat, stelle ich mir vor, hier jetzt eine unglaublich exklusive Tour geboten zu bekommen, aber der Laden ist ganz offensichtlich auf Touristen eingestellt, mit einem Souvenir-Shop als Ein- und Ausgang Foto dazu. Und bei der Besichtigung handelt es sich nicht um die wirklichen Produktionsanlagen, sondern um ein Museum, das die traditionelle Art der Miso-Produktion zeigt Foto dazu.

Unsere Führerin erklärt mir alles zunächst auf Japanisch, kann aber sehr gut Englisch, sodass ich in Zweifelsfällen auch nachfragen kann. Miso besteht, soweit ich das verstanden habe, aus gepressten Sojabohnen, die zunächst mit irgendwelchen Mikroorganismen versetzt und zu kleinen Bällchen geformt werden und dann zwei Tage lang irgendwie fermentieren. Dann werden sie mit Salz und Wasser versetzt (siehe unten rechts auf dem Bild) und sodann in ein Riesenfass gepackt. Auf 6 Tonnen kommt ein Deckel und darauf eine Pyramide aus Steinen, die insgesamt drei Tonnen schwer ist und das ganze mächtig unter Druck setzt. (Ich frage extra noch einmal nach, und sie wiederholt, dass es 6 Tonnen Miso sind. So richtig kann ich es aber nicht glauben, wieviel wiegt nochmal ein Kubikmeter Wasser?)

Die Steine werden auch heute noch von Hand auf den Deckel gelegt, und in einem großen Lagerhaus stehen dann diese Riesenfässer zwei Jahre lang herum, bis das Miso fertig ist Foto dazu. Angeblich fallen diese Steinpyramiden auch bei Erdbeben nicht runter.

Als nächstes bekomme ich drei verschiedene Sorten Misosuppe zum Probieren Foto dazu. Erst Miso, das nur aus Sojabohnen besteht, und recht streng schmeckt. Bei der zweiten Sorte ist auch noch Reis mit dabei, und sie schmeckt mir besser, deutlich milder. Die dritte Sorte enthält auch noch Zucker und schmeckt folglich leicht süßlich. Die auf japanisch gesellte Frage, welche Suppe mir am besten geschmeckt hat, kann ich auf Japanisch beantworten: Die zweite.

Im nächsten Raum steht ein kleiner Eis-Stand. Miso-Eis???!? Ooyama san will mir eins ausgeben, da kann ich ja nicht nein sagen. Es schmeckt deutlich weniger seltsam, als ich befürchtet hatte. Im Wesentlichen süßlich, wie Vanille-Softeis halt, aber statt Vanille liegt ein schwierig zu beschreibender Geschmack drunter Foto dazu. Miso halt.

Nachdem ich den Souvenierladen ausführlich begutachtet habe, überreicht mir unsere Führerin ein Geschenk: Zwei Packungen Miso. Und zwar von der Sorte, die mir am besten geschmeckt hat. Das ist ja sehr nett.

Wieder im Auto, ruft Ooyama san wieder jemanden an. Ich kann genug Japanisch um aufzuschnappen, dass sie sich erkundigt, ob wir eine Sake-Probe machen können. Sie kümmert sich wirklich nett um mich, das muss man schon sagen. Im Auto üben wir übrigens die ganze Zeit Japanisch und Deutsch. Sie fragt immer auf Englisch, wie man dies und das auf Deutsch sagt, und ich sage es ihr auf Deutsch und korrigiere sie, und anschließend sage ich es auf Japanisch und lasse mir von ihr helfen. Ich habe einen Heidenspaß!

In dem Sake-Laden Foto dazu kredenzt mir eine Frau nacheinander vier verschiedene Sorten Sake, die tatsächlich höchst unterschiedlich schmecken Foto dazu. Wir besichtigen einen Nebenraum, der so aussieht, als könnte man darin (be)rauschende Sake-Feste feiern Foto dazu. Im Obergeschoss Foto dazu soll nächste Woche irgendein besonderes Konzert sein - ongakukai, so ganz genau hab ichs nicht verstanden.

Zurück in dem ersten Raum bietet man mir an, noch weitere Sorten Sake zu probieren, aber da mir schon leicht schwummerig zu werden beginnt, lehne ich dankend ab (kekkoo desu). Das wird aber augenscheinlich so verstanden als hätte ich meine Lieblingssorte schon gefunden (in der Tat habe ich vorhin gesagt, dass mir von den vieren der dritte am besten geschmeckt hat), und zu irgendwelchen Knabber-Gemüse-Pickles und kaltem grünem Tee wird mir eifrig weiter Sake von meiner Lieblingssorte nachgeschenkt *hicks* Foto dazu. Ich beschließe, eine Flasche davon zu kaufen; schmeckt wirklich gar nicht schlecht. Die werde ich aber hier trinken und nicht über Australien und Neuseeland nach Hause schleppen, sorry Folks. Zu diesem Zweck bekomme ich auch gleich noch ein Sake-Glas geschenkt, als ich die Frage, ob ich schon eins besitze, verneine. Wirklich sehr aufmerksam. Der Vollständigkeit halber: Die Flasche Sake kostet 1350 Yen. Der Sake wird übrigens der Jahreszeit entsprechend kalt serviert, ebenso wie es in Japan üblich ist, im Sommer auch Tee und Kaffee kalt zu trinken. Wenn man seinen Kaffee warm will, muss man das schon dazusagen. Beziehungsweise sehen die Japaner mir natürlich an, dass ich ein Ausländer bin, und fragen mich, ob ich wirklich heißen Kaffee meine, wenn ich Kaffee bestelle ;-).

Nachdem ich erwähnt habe, dass ich gelegentlich noch ein Mitbringsel für einen Zwölfjährigen brauche, der während meiner großen Reise auf meinen Nymphensittich aufpasst, schleppt Ooyama san mich noch in einen 100-Yen-Shop, den ich zwar bei meiner Erstbesichtigung schon einmal fotografiert, aber noch nicht betreten habe Foto dazu. Ich wusste gar nicht, dass das auch ein 100-Yen-Shop ist, wo alles 105 Yen kostet. Ist aber gut zu wissen; wenn ich irgendwas brauche, werd ich in Zukunft zuerst dort schauen, zumal der Laden sehr nah und genau auf halber Strecke zwischen Studentenwohnheim und Schule ist.

Ooyama san schleppt mich zielsicher zu einem Regal mit Spielzeug. Aber ob Willem sich über original japanische Holzkreisel freuen würde? Ich fürchte, dafür ist er nun doch schon ein bisschen zu alt. Ich frage Ooyama san, ob es in Japan eigentlich Ansichtskarten gibt, auf denen wenigstens ansatzweise der Ort drauf ist, an dem man sich befindet, aber alles, was sie für mich auftreiben kann, ist ein kleiner Postkartenständer mit Fotos von Tieren, Blumen und ... Brad Pitt Foto dazu. Na prima. Schicke ich meiner Mutter halt doch wieder über funcard.de eine Postkarte mit einem selbstgeknipsten Foto aus der Schule Foto dazu. Die ist zwar nicht handgeschrieben und hat auch nicht physisch den weiten Weg aus Japan gemacht, ist aber am nächsten Werktag da und hat wenigstens durch das Bild eine persönliche Note. An alle, die mich um eine Postkarte gebeten haben: So ne blöde Brad-Pitt-Karte kriegt Ihr nicht. Wenn ich keine vernünftige Ansichtskarte finde, gibts keine. Glaub ich.

Ich verabschiede mich gegen 18 Uhr von Ooyama san, die mir noch für die Dauer meines Japan-Aufenthalts einen Regenschirm leiht, weil ich vorhin, um mein Japanisch zu üben, angemerkt habe, dass ich hier in Japan noch keinen besitze. Wirklich sehr aufmerksam. Ich verspreche, ihr eine E-Mail zu schreiben und sie wiederzusehen. Und denke mir, dass man hier sehr vorsichtig sein muss, was man sagt. Wenn man sagt, dass man keinen Regenschirm hat, kriegt man gleich einen ...

Ich lasse den Abend in der heute so gut wie menschenleeren Zig-Zag-Bar ausklingen, wo ich diese Zeilen schreibe und den festen Vorsatz habe, mindestens ein Bier weniger als gestern zu trinken.

 

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©2004 by Harald Bögeholz